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Durch nahezu unberührte Natur zum Kloster

Durch nahezu unberührte Natur zum Kloster
Leser sind mit der RUNDSCHAU auf Tour auf einem der beliebtesten Fernradwege Deutschlands – von Guben nach Neuzelle.
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Über knapp 90 Kilometer treten RUNDSCHAU-Leser, sachkundig und unterhaltsam geführt von Gerd Richter, zwischen Guben und Neuzelle in die Pedale. Die Tour auf beschaulichen Wegen des 630 Kilometer langen Oder-Neiße-Radweges zwischen der Stadt der Hüte und Tuche und dem Barockwunder der Niederlausitz, der zwei magische Flussregionen verbindet, hat es in sich. „LR auf Tour“ führt von Guben über den Granoer Hammer, Lauschütz und Bomsdorf zur Schwerzkoer Mühle und weiter durch das Dorche-Tal nach Neuzelle. Hier hatten Zisterziensermönche eine Klosteranlage erbaut, in der nunmehr seit gut 400 Jahren nach alter Tradition Bier gebraut wird. Die Klosteranlage, das Barockwunder Brandenburgs, ist ein lohnendes Ziel. Auf flachem Land und meist gut ausgebauten Wegen sind dahin aber auch einige anspruchsvolle Anstiege zu meistern, und der Wind bläst den Radlern zeitweise stärker entgegen. Nach der Neun-Stunden-Radtour mit spannenden Stopps sind die 13 Radler auch platt, der süße Hintern der jüngsten Teilnehmerin schmerzt leicht – aber mit dem Tag sind alle zufrieden. Guben, eine Perle an der Neiße, ist der Start: Durch den Stadtpark lenkt Gerd Richter, der aus Deulowitz stammt und Touristen versiert durch seine Heimat führt, die Radfahrer. Am weitesten sind Teilnehmer aus Elbe-Elster und Trebendorf bei Weißwasser angereist. Der Weg nach Reichenbach tangiert den Jüdischen Friedhof in Guben, ein Baudenkmal. Der älteste Grabstein stammt aus dem Jahr 1856. Weiter geht es vorbei am Mühlteich in Wilschwitz und weiter zum Granoer Hammer zum Mühlenfließ.
Hier geht es ums Geld. Die Münzstätte Gubens ist berühmt. Bereits im Jahr 1309 war der Stadt von Kurfürst Rudolf I. das Pfennigprägen erlaubt worden. Von 1621 sind Münzen nachgewiesen, die den gekrönten Buchstaben „G“ in einem
Perlkranz als Zeichen für Guben trugen. Auf dem Weg nach Grano, inzwischen
wieder sehr bekannt für guten Niederlausitzer Wein, sind die Reste des Mühlgrabens zu bestaunen. Ein Halt am rekonstruierten Granoer Schloss und der Kirche ist Pflicht. Die 1854 neu gebaute Kirche mit dem hölzernen Glockenturm aus dem 17. Jahrhundert ist der Dorfmittelpunkt. Und hier werden die legendären Geschichten der wilden Herren von Bomsdorf, die in Grano als Feudalherren von Grund und Boden ihre Untertanen in harter Fronarbeit schröpften, auch zum Besten gegeben. Die „Bomsdorfe“ sind als wahre Raubritter und Straßenplacker in die Regionalgeschichte eingegangen. Über Lauschütz und Sembten geht es vorbei am Buchwaldsee zum Bomsdorfer Schlosspark. Die alte Schönheit ist hier etwas vom Wildwuchs verdeckt. Gärtner müssten ran. Aber die Ruhe an den aneinandergereihten Teichen, die zum Wassersystem der Lutzke gehören, und verschiedenste Baumarten machen den Park zu einem ganz besonderen Erlebnis. Über das Bomsdorf-Vorwerk geht es zur ersten Mühle des naturnahen Dorche-Tals, der Schwerzkower Mühle. Mehrere Mühlenstandorte folgen und erzählen Geschichte. Gerd Richter kennt sie natürlich alle. Und der Blick auf den Klosterteich mit seiner blühenden Seerosen-Pracht entschädigt für die Mühe der Fahrt. Bei Gegenwind kommt das Kloster Neuzelle mit der alles überragenden Klosterkirche Sankt Marien in Sicht. Die kurzweilige Führung hier ist der Höhepunkt der Radtour, die an der Neißequelle vor Zittau starten kann – und jederzeit einen erneuten Besuch wert.
Das Kloster Neuzelle an der Oder ist eine der wenigen noch vollständig erhaltenen Klöster in Europa. Markgraf Heinrich, der Erlauchten aus dem Hause der sächsischen Wettiner, hatte das Kloster im Gedenken an seine verstorbene zweite Ehefrau Agnes gestiftet, Zisterzienser haben es gegründet. 750 Jahre Geschichte wirken auf die Radler. Besonders beeindruckend: Die Klosterkirche, der bedeutendste Sakralbau der Niederlausitz, ist bis heute die Pfarrkirche der katholischen Gemeinde Neuzelle. Das Kloster hat die Reformation der protestantisch gewordenen Niederlausitz als katholische Insel überstanden.
Aber auch die Gaumenfreude bleibt wichtig – vor allem nach einer langen Radpartie: In der Klosterbrauerei wird die Brautradition der Zisterzienser bis heute gepflegt. Für die Besichtigung der Brauerei bleibt bei LR auf Tour leider keine Zeit. Denn nach dem Spaziergang durch die Orangerie steht die Rückfahrt
an, durch den Fasanenwald, an der slawischen Wenzelsburg vorbei, mit einem kurzen Halt am Friedhof von Wellmitz. Über malerische Dörfer geht es auf dem Neißedamm zurück nach Guben.

VON ALEXANDER LIEBSCHER