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Mühlengeschichte rund um Doberlug

Mühlengeschichte rund um Doberlug
Doberlug-Kirchhain. Was hat ein bequemes Sofa in der engen Müllerstube zu suchen? „Weil der Müller früher auch Damenbesuch bekam“, kennt Mario Mattik offensichtlich jedes Detail aus der Geschichte der Lugauer Wassermühle. Wie ein leibhaftiger Müller sieht der Mann aus, der aber von Beruf Dachdecker ist. „Ich wohne etwas außerhalb von Lugau, da soll früher mal eine Windmühle gestanden haben. Deshalb bin ich in unserem Verein ,Lugau lebt` jetzt der Müller von der Wassermühle“, erklärt Mario Mattik bei der Mühlentour den Radlern die Zusammenhänge. Fast 40 Leser folgten der Einladung der Lausitzer Rundschau zu einer ganz besonderen Reise.
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Bereits 1630 das erste Mal erwähnt, hat die Wassermühle in ihrer Geschichte nicht nur Korn gemahlen, sondern seit 1920 auch den ersten Strom für ein paar Häuser in Lugau geliefert. Bis zur Wende ist noch Futtergetreide produziert worden, danach fiel das alte Bauwerk in einen Dornröschenschlaf – bis der Verein „Lugau lebt“ es 2007 vor dem Verfall gerettet und ein Museum daraus gemacht hat. In der einzigartigen erhalten gebliebenen Wassermühle in der Region soll oben künftig noch ein Café eingerichtet werden, „dazu müssen wir nicht nur den Fußboden, sondern auch die Treppe erneuern“, erklärt Mario Mattik – und dass das viel Geld koste, der Verein sei auf Spenden und Fördergeld angewiesen.

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Und noch etwas Besonderes erlebten die Radler in Lugau: Der Doppelhelm auf dem Turm der Lugauer Kirche ist einzigartig in der Niederlausitz, ein ähnlicher Bau findet sich erst wieder in Koblenz. Im Dorf erzählt man sich, dass die Mönche, die einst aus dem Rheinland nach Doberlug kamen, in Lugau eine Kirche errichteten, die sie an ihre Heimat erinnern sollte. „Wenn das nicht stimmt“, erzählt Anja Raspe, die Kirchenälteste, nicht ohne Augenzwinkern, „dann gibt es noch eine zweite Geschichte: Ein reicher Bauer wollte mit der Kirche seinen Kindern ein Denkmal setzen. Und da er zwei Töchter hatte, ließ er zwei Türme bauen.“

Nicht so glücklich sieht die Paltrock-Mühle in Oppelhain aus – Station Nummer 2 der Radtour. Ein heftiger Sturm hatte nicht nur an ihrer Standsicherheit gerüttelt, sondern auch die Flügel so beschädigt, dass sie abgenommen werden mussten, außerdem ist der Müller in Rente gegangen, erfuhren die Radler. „Die Flügel zu erneuern würde 85000 Euro kosten – Geld, das die Gemeinde nicht hat“, weiß Simone Landgraf. Sie kümmert sich um den Kräutergarten gleich neben Windmühle, wo Dutzende Heil- und Gewürzkräuter wachsen. Die gelernte Gärtnerin und studierte Agrar-Ingenieurin kennt alle Gewächse nicht nur mit dem Namen, sondern auch ihre Wirkung. Sie lässt die Besucher kosten und riechen und erklärt: Giersch ist gegen Rheuma und Gicht gut, Helenenkraut hilft bei Hämorrhoiden und Seifenkraut lindert Akne und Exeme, Kornblumenblüten wirken bei Bindehautentzündung, Rheinfarn vertreibt jeden Bandwurm – auch bei Katzen und Hunden, und die Knopfblüten sind bester Mückenschutz.

Die letzte Mühlenstation ist in Lindena. Doch die Hammermühle bei Fischer Keil steht schon lange nicht mehr. Im 17. Jahrhundert entstand hier eine Schmelzhütte und ein Eisenhammer, wo der abgebaute Raseneisenstein an Ort und Stelle verarbeitet wurde. Die Hütte ist im 30jährigen Krieg zerstört, später als Sägemühle wieder aufgebaut worden. Geblieben ist nur noch der Name Hammermühle – wo Martin Keil seit 1972 die Fischzucht der Mönche weiter pflegt, inzwischen sein Sohn Uwe. In der Hammermühle wurden zu DDR-Zeiten jährlich mehr als 92 Tonnen Karpfen gefischt, jetzt sind es noch 20 Tonnen. Drei bis vier Jahre müssen die Schuppentiere gefüttert werden, bis sie schlachtreif sind. Die Karpfen zu Silvester 2019 sind jetzt schon 30 Zentimeter groß, zum Jahreswechsel werden sie noch bis zu einem halben Meter wachsen.

Ganze 25 Kilometer kurz war die Mühlentour, eigentliche Fahrzeit lediglich eine Stunde und 4 7 Minuten. Doch die sechs Stunden waren vollgestopft mit Programm, mit vielen Halts, mit Erlebnissen und Eindrücken. „Ich bin das erste Mal in meinem Leben in dieser Ecke“, gesteht Kerstin Popp aus Drebkau. Die 53-Jährige arbeitet in Berlin und sehnt sich in ihrer Freizeit nach einer „anderen Welt“. „In diesen kleinen Dörfern kann man die Ruhe genießen und dabei viele kleine Raritäten entdecken“, schwärmt nicht nur Kerstin Popp von der Radfahrt der Lausitzer Rundschau. Sie will das nächste Mal wieder dabei sein.

Dieter Babbe

Autor: Urlaubsreich.de